Grafischer Briefroman "mme perreq" erscheint jetzt im Juli

Als die Post noch kein privater Dienstleister war, als man Email einfach nur mit blau glänzenden Straßenschildern in Verbindung brachte und als Werbung noch keine Briefkästen flutete, freute ich mich auf Schreiben meiner Großmutter wie ein Gummibärchenkönig. Als Oma von elf Enkeln hatte sie die Gabe, Briefe so zu verfassen, dass sie mich als Teenager berührten. Ich liebte ihre in kantiger Handschrift gezeichneten „a" und „g" und bewunderte ihre Gabe, frei und gekonnt in die Seelenlandschaft meiner Generation einzutauchen. „Lieber Peter, zu Weihnachten hast Du mir zwei wunderschöne Gedichte geschickt." So begannen ihre Briefe immer. Mit einem „Du" öffnete sie alle Türen.

 

Gibt es das heute noch? Klar, die Anrede in zweiter Person ist eine immer noch gebräuchliche Masche für Werbebriefe: „Lieber Herr / Liebe Frau …, Sie haben sich sicher auch schon gefragt, ...“ Und schon werden einfühlsam Farbfragen geklärt oder exklusive Hauptgewinne ausgelobt. Oder das Schreiben einer Versicherung macht uns mit bis dato unbekannten Ängsten vertraut. 

In der Frankfurter Schreibwerkstatt OULIPO haben wir vor vier Jahren beschlossen, einen Briefroman zu schreiben, um die ganze Vielfalt der Regeln des Briefeschreibens zu explorieren. Und uns dabei zu amüsieren, indem wir auch neue Verfahren und Regeln zu den alten hinzufügten und sie konsequent anwendeten.

 

Den verschollenen Briefen meiner Großmutter lag diese Arbeit näher, als ich anfangs erwartet hatte. Unsere 2011 in der Romanfabrik gegründete Werkstatt für potentielle Literatur (Ouvroir de littérature potentielle) erweiterte ihre Stilübungen nämlich durch ein Wechselspiel mit drei Grafikerinnen der Werkstatt für potentielle Grafik (Ouvroir du design graphique potentiel). Unser Ergebnis lässt mich wieder an Korrespondenzen mit meiner Oma denken. Bild- und Textarbeit sind, wenn es funkt, ein Türeöffnen im ständigen Wechselspiel. Und alles beginnt mit einem „Du".

 

Unser graphischer Briefroman mme perreq erscheint im Juli 2020 wieder beim Verlag Das Wunderhorn.

Peter Hauff



Unser erstes gemeinsames Buch mit Ougrapo

Oulipo - Ougrapo

Eine Gebrauchsanweisung

 

HERAUSGEBERHeiner Boehncke , Sophie Dobrigkeit , Ulrike Gauder , Michael Hohmann , Sigrid Ortwein

Erscheinungsjahr: 2014 | ISBN: 978-3-88423-480-8

104 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag,

19,80 EUR inkl. 7 % gesetzlicher MwSt.

ÜBER DIESES BUCH

Ouvroir de littérature potentielle – OuLiPo, das hat mit Formzwang und Spielvergnügen zu tun. In diesem Spagat entsteht Poesie, die riskant zwischen Sinn und Unsinn schwankt, die Schönheiten erobert und Abgründe entdeckt. Seit 2011 hat sich in der Romanfabrik Frankfurt eine Gruppe von Menschen gefunden, die diesem hehren Ansinnen frönt. Lipogramme, bei denen ein bestimmter Buchstabe nicht vorkommen darf, und Monovokalismen, also Texte, die nur einen Vokal verwenden, stehen auf dem Programm. Gelegentlich wagt sich die Frankfurter Gruppe sogar an Palindrome. Auch die Grafik wird ins Spiel gebracht, durch Ougrapo.

 

Vor allem in Frankreich hat solche Erkundungsarbeit eine mehr als 50jährige Tradition. Jacques Roubaud, einer ihrer Hauptvertreter in Paris, hat sich mit Beiträgen an diesem Buch beteiligt.

 

Mit ihrer »Gebrauchsanweisung« unternimmt die Frankfurter »Fabrik für Schreibmöglichkeiten« den Versuch, das deutsche Publikum fürs oulipotische Experimentieren zu begeistern. Wen würde nicht bei diesem Palindrom der Ehrgeiz packen, es zu überbieten:

»Oh Cello voll Echo« ?