Pantun - ein malaysisches Wortkarussell

Man nehme: einen Kreuzreim mit vier Zeilen, die sich auf a-b-a-b reimen. Dann rühre man einmal um, so dass die zweite Zeile der ersten Strophe zur ersten Zeile der zweiten Strophe wird und die vierte zur dritten. Die zweite Strophe hat also zwei bekannte und zwei neue Zeilen: b-c-b-c. Und so geht es weiter, beliebig viele Strophen lang. Darauf achten sollte man, dass die allererste Zeile des Gedichts zur letzten wird. O.k., im Original ist die Regel noch etwas umfangreicher.

 

Es klingt kompliziert, ist es aber nicht. Schließlich hat man auf diese Weise ein Reimpaar der jeweils nächsten Strophe schon fertig. Durch die ständigen Wiederholungen entstehen Dichte und Atmosphäre.

 

Wenn Platanen ihre Blätter falten


Wenn die Platanen ihre Blätter falten,

tauchen sie von grün in gelb-orange.

Ich denk an sein und mein Verhalten,

am Fenster sitzend bei Wiener Melange.

 

Sie tauchen von grün in gelb-orange

und ich frag mich, ist sein Lachen echt?

Am Fenster sitzend bei Wiener Melange,

manchmal hat er zu viel Recht.

 

Ich frag mich, ist sein Lachen echt?

Spazier in Gedanken durch die Natur,

Manchmal hat er zu viel Recht,

hört mir zu, aber lächelt doch nur.

 

Spazier in Gedanken durch die Natur,

denk an sein und mein Verhalten.

Er hört mir zu, aber lächelt doch nur,

wenn die Platanen ihre Blätter falten.

(Ina Maria Simon)

 

Die Möwe verharrte auf dem Tau


Die Möwe verharrte auf dem Tau

als ob das das Normalste wär.

Vorbei schlenderten Hund

samt Mann und Frau,

sie liebten sich einst, ich glaub sogar sehr.

 

Als ob das das Normalste wär

nach zwanzig, dreißig Jahren,

liebten sie sich, ich glaub sogar sehr,

oder sie wollten den Anschein bewahren.

 

Nach zwanzig, dreißig Jahren,

war es bestimmt nicht ihr erster Hund.

Sie wollten wohl nur

den Anschein bewahren,

sie redeten nicht, still blieb ihr Mund.

 

Es war bestimmt nicht ihr erster Hund,

er schlenderte mit ihnen,

mit Mann und Frau,

sie redeten nicht, still blieb ihr Mund,

die Möwe verharrte auf dem Tau.

(Ina Maria Simon)

Kinder-Karussell


Einsteigen, Kinder! Es geht rund

Das Karussell ist aufgebaut

Die Blätter wehen kunterbunt

Ein weißes Pferdchen wiehert laut.

 

Das Karussell ist aufgebaut

Der Wind fährt durch die Fahnen

Ein weißes Pferdchen wiehert laut

Ein Mädchen dreht dort Bahnen

 

Der Wind fährt durch die Fahnen

Hui, war da nicht die Feuerwehr?

Ein Mädchen dreht dort Bahnen

Das Laub mischt sich in den Verkehr

 

Hui, war da nicht die Feuerwehr?

Die Blätter wehen kunterbunt

und mischen sich in den Verkehr

Einsteigen, Kinder! Es geht rund.

Bahnfahrn


In Mainz, da stehn die Züge still,

im Stellwerk brach die Leiter.

Wer nun von hier nach Frankfurt will

kommt erst einmal nicht weiter.

 

Im Stellwerk brach die Leiter.

Der wackre Weichensteller W.

kommt erst einmal nicht weiter

und kocht sich einen Tee.

 

Der wackre Weichensteller W.,

der hat ja keine Schuld

und kocht sich einen Tee.

Wer Bahn fährt, braucht Geduld.

 

Der hat ja keine Schuld,

der, der von Mainz nach Frankfurt will.

Wer Bahn fährt, braucht Geduld –

in Mainz, da stehn die Züge still.

 

Fressgass


Am Rand der Fressgass trink ich einen Wein,

vorbei spazieren Leute.

Fast alle schaun in ihr Smartphone rein,

sie sehn nicht das Hier und das Heute.

 

Vorbei spazieren Leute,

ein Bettler klappert die Tische ab,

sie sehn nicht das Hier und das Heute

und wer ihn beachtet, betrachtet ihn knapp.

 

Ein Bettler klappert die Tische ab,

er rappelt mit seinem Becher

und wer ihn beachtet, betrachtet ihn knapp.

Von Tisch zu Tisch fragt er frecher.

 

Er rappelt mit seinem Becher,

ich tu halt noch einen Euro rein.

Von Tisch zu Tisch fragt er frecher.

Am Rand der Fressgass trink ich einen Wein.