Verdeckt ermitteln

- so findet man eine unbekannte Figur

Viele Ratgeber für Autoren empfehlen, sich an immer wiederkehrende Muster von Geschichten zu halten. Das Prinzip der Heldenreise gehört dazu. Doch was macht der Autor oder die Autorin, wenn die nötige Hauptfigur noch keine Eigenschaften hat? Wie lernt man seinen Helden kennen?

 

Zum Beispiel, indem der Autor als verdeckter Ermittler arbeitet: Wählen Sie ein ansprechendes Foto oder Bild aus. Erster Auftrag: Folgen Sie dieser Person bis nach Hause. Zweiter Auftrag: Beschreiben Sie, wie es in deren Wohnung aussieht. Dritter Auftrag: Was geschieht und was antworten Sie, wenn die Person plötzlich sieht, dass sie von Ihnen verfolgt wird - und Sie zur Rede stellt?


Ein älterer Herr, der aussieht wie JACQUES TATIE (Monsieur Hulot)

1. Personenbeschreibung

 

Ein grauer Tag in der Brüsseler Innenstadt. In der Hohen Straße regnet es, ein älterer Herr mit Regenschirm und Pfeife verlässt den Tabakladen mit einer Tüte Erdnüssen.
Den Kragen seines Trenchcoats hat er hochgeschlagen. Grinst. Spannt seinen Schirm auf und läuft nach Hause.

 

Tapp. Tapp. Tapp. Zwischen seinen Lippen wippt eine kostbare Pfeife: Sibirisches Nussbaum-Holz. Modell "Eugen Onegin" . Ich muss dieses Schmuckstück haben. Ich weiß, von diesen Pfeifen gibt es zur zwei auf der ganzen Welt.

 

Läuft Monsieur nur wegen dieser Erdnüsse durch den strömenden Regen? Egal, ganz egal. Hinterher.


2. Ortsbeschreibung

 

Eine Junggesellen-Küche mit Gas und zugigen Fenstern, an denen der Brüsseler Regen in Schlieren entlangfließt.
Hinter Monsieur mit Pfeife wische ich gerade so zwischen Tür und Angel hinein.

 

Hier flattert der Grund für seine Erdnüsse: Monsieur will damit seinen Graupapagei "Magritte" füttern. Doch Magritte weigert sich zu fressen. Der Vogel kreischt entsetzlich. Ich bin entdeckt!

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3. Auffliegen des Ermittlers

 

Der  Mann dreht sich um: "Qui êtes-vous?" Ich gestehe ihm, dass mir vor dem Tabakladen seine sibirische Eugen-Onegin-Pfeife ins Auge gefallen war. Das Modell komme schließlich nur zweimal auf der Welt vor. Ob ich es anfassen dürfe?

 

Monsieur Hulot steht ein großes Lachen im Gesicht. Er nimmt die Pfeife aus dem Mund , streckt sie mir dampfend entgegen:  "Ceci ", sagt er weiter auf Französisch, "n'est pas une pipe".